Kind und Kegel, Frau Winter, Herr Sommer, Damen und Herren ohne Krawatte, alle Freunde versammeln sich in bunten Schwarz zur Beerdigung von Joachim Pohl in Berlin Pankow.

Tragen wir zur Beerdigung schwarz?

Dresscode Beerdigung – unsere Kolumne bringt Farbe ins Schwarz-Weiß-Denken
Von Tatjana Petzer, Literatur- und Kulturwissenschaftlerin, Berlin

Todernst ist selbst der Tod nicht. Kein Weinen ohne Lachen. Letzten Endes sind es die kleinen heiteren Geschichten, die eine Beisetzung überdauern. Die eine oder andere Anekdote ist sogar lehrreich, mit anderen Worten: es lohnt sich, sie an dieser Stelle zu teilen. Inspiriert zu diesem Ratgeber der redseligen Art haben mich Erlebtes und Erzähltes von Beerdigungen und Trauerfeiern, vor allem aber der Berufsalltag meiner Freundin Martina, die zur Bestatterin berufen ist.

Janus, der Doppelköpfige, der zurückschaut, während sich sein Blick in die Zukunft richtet, ist Pate von Januar Bestattungen. Mein Bild davon: Mr. Humor reicht der in schwarz gehüllten Trauer galant die Hand. Er macht sie mit der heilsamen Muse der Erinnerung bekannt und hilft ihr, das Gefühlschaos zu ordnen und den Schleier zu lüften. Sie schreitet voran. Ab und wann stolpert sie beim Nachsinnen und Erzählen. Humor hilft ihr, ein Bukett an Frohsinn zu sammeln. Ich habe das Vergnügen, einiges davon weiterzugeben. 

Trauerkleidung

Ich trage Schwarz nicht Trauer, verteidige ich meine Vorliebe für klassische Eleganz. Im Übrigen verkörperten schwarze Textilien nicht von Anbeginn Trauer. Das Schwarzfärben von Stoffen war teuer und aufwändig. Also kleidete Schwarz aristokratische Autoritäten und kirchliche Ehrwürden. Im Trauerritual symbolisiert es Ergriffenheit, die sich gleichsam in kostbarer Stofflichkeit materialisierte. Erst später wurde es auch bürgerliche Etikette – ein förmliches oder festliches Schwarz. Das Trauerschwarz blieb Gebot. Jedoch wird es in Nord- und Südeuropa mit unterschiedlicher Strenge aufrechterhalten.

Vor zwei-drei Jahren erzählte mir ein guter Freund von der Beerdigung seines Onkels, die mir bildhaft in Erinnerung geblieben ist. Die Nachricht hatte ihn unerwartet getroffen. Er packte ein paar Sachen, griff nach der guten Jacke aus dunkelbraunem Leder und eilte zum Zug gen Süden. Die Tante erwartete ihn bereits, musterte seine Kleider und verbrachte eine schlaflose Nacht. Am Morgen fand der Neffe seine Lederjacke sorgfältig mit schwarzer Schuhcreme bearbeitet vor. Für eine Alternative blieb keine Zeit, also empfing er in getürktem Schwarz an der Seite der Tante die Trauergäste. Männerhände drückten ihn fest erst an den Schultern, dann umfassten sie in einer Geste des Trostes seinen Kopf oder beide Hände. Die Frauen schmiegten sich an seine Brust und er neigte sich herab, dass sich die Wangen berühren konnten. Nach vielen Umarmungen, Küssen und Tränen wurde der Sarg in die Erde herabgelassen. Die versammelte Trauergesellschaft achtete kaum darauf, sondern warf bedeutungsvolle Blicke auf den Neffen. Seine Gesichtszüge hatten sich in ein kollektives Kunstwerk abstrakter Emotionsmalerei verwandelt. Rundum glänzte kaum eine Haut nicht vor schwarzen Spuren. Schuhcreme im Gesicht sei nicht witzig, sagte mein guter Freund noch. Trauer färbt ab, ging mir durch den Kopf. 

Im Knigge finde ich einige Hinweise, die vielleicht die nächtliche Färbaktion erklären. Traditionell trägt der engere Familienkreis Schwarz, während entferntere Trauergäste auch gedeckte Töne aus dem Farbspektrum wie dunkles Blau oder Grau wählen dürfen. Brauntöne zählen nicht dazu, sie werden oft als unpassend empfunden und sind in einigen Trauergemeinschaften tabu. Schwarz ist universell. Wer wie ich Kleidung aus schwarzen Stoffen bevorzugt, kennt deren Vielfalt an Schattierungen und physikalischen Eigenschaften und sicher auch den Modemacher Yohji Yamamoto, der sich bereits im Schneideratelier seiner Mutter vom Mofuku, dem japanischen Trauerkimono, inspirieren ließ. Seine Kreationen umspielen das Lebensgefühl des Verlusts und verwandeln es in heilende Leichtigkeit und Zeitlosigkeit.

Tatjana Petzer, 2022